Wiesbadener Expert*innen im Gepräch

In unseren Interviews finden Sie Ant­wor­ten auf aktuelle Ge­sund­heits­fragen und fund­iert be­grün­dete Mei­nungen. Dazu nen­nen wir Adres­sen und geben Tipps, die weiter helfen.

Wie wir Schalter gegen Schmerzen finden und umlegen können

Ein akutes Stechen, Ziehen, Pochen verschwindet in der Regel, wenn die Verletzung oder Erkrankung verheilt ist. Anders chronischer Schmerz, der über Monate und Jahre andauert. Wir sprachen mit Professor Dr. med. Ralf Nickel über Ursachen, die an Kuchenteig erinnern, über die Heilkraft von Chemie und Trost und über die Verwandtschaft von gebrochenen Herzen und Knochen.

 

Prof. Dr. med. Ralf Nickel ist Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, außerdem Vorsitzender des Landesverbandes Hessen der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (DGPM), Mitgründer des hessischen Facharztweiterbildungsverbundes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dozent an der Akademie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Main-Taunus e. V. (APPM) und an weiteren Aus- und Weiterbildungsinstituten, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Fachgesellschaft (DGPM) und Entwickler und Leiter des Curriculums „Psychosomatische Schmerztherapie“ der deutschen Fachgesellschaft (DGPM). Mehr Informationen

Professor Dr. Ralf Nickel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, über Schmerzen und Therapien

„Schmerzen sind individuell wie Fingerabdrücke“

mymedAQ.de: Was ist Schmerz?
Prof. Dr. med. Ralf Nickel: Schmerz ist eine Mischung aus zahlreichen Komponenten. Man kann sich das wie einen Kuchenteig vorstellen. Zutaten, Mengen, Arten variieren, aber das Ergebnis ist immer ein Kuchen.

mymedAQ: Was sind die Grundzutaten?
Prof. R. N.: Biologische Ursachen wie Verletzungen, Entzündungen und Funktionsstörungen, dazu psychische und soziale Einflüsse. Alle drei Komponenten gibt es in vielen Variationen.

mymedAQ: Besteht jede Art von Schmerz aus allen drei Komponenten, auch das Ziehen im Backenzahn?
Prof. R. N.: Bei akuten Schmerzen, die uns vor einer Gefahr warnen – in diesem Beispiel ,Achtung, deine Wurzel oben links hinten ist vereitert, reiß sie raus bevor du eine Sepsis bekommst!` –, überwiegen die biologischen Ursachen bei weitem. Aber denken Sie an einen Fakir! Er zeigt, dass auch die beiden anderen bei akuten Schmerzen eine Rolle spielen können.
 

mymedAQ: Ein Fakir spürt die Nagelspitzen nicht, die sich in seine Haut bohren. Wie gelingt es ihm, den Schalter umzulegen? Durch Willenskraft?
Prof. R. N.: Er lenkt durch Meditation seine Aufmerksamkeit weg von den Nagelspitzen. Das veranschaulicht, dass bei Schmerzen nicht die Biologie allein eine Rolle spielt. Auch und gerade psychische und soziale Einflüsse wirken mit und sind bei chronischen Schmerzen sogar ganz entscheidend. Schalter zum Ausschalten von Schmerzen gibt es in allen drei Bereichen.

mymedAQ: Hilft Meditation generell gegen Schmerz?
Prof. R. N.: Sie kann einige Arten von Schmerzen lindern oder ausschalten, erfordert jedoch einige Übung. Es gibt Methoden, die einfacher zu erlernen sind.

mymedAQ: Die Schalter, die wohl am einfachsten zu betätigen sind, sind Medikamente. Was spricht gegen sie?
Prof. R. N.: Zunächst einmal nichts, bei akuten Schmerzen können Tabletten, Salben und Spritzen eine geeignete Therapie sein. Gegen chronische Schmerzen reicht diese Behandlung der körperlichen Symptome allein jedoch in der Regel nicht aus. Sie kann sogar zusätzliche Beschwerden verursachen, neben Abhängigkeit, etwa sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerzen.

mymedAQ: Was ist die Alternative?
Prof. R. N.: Bewährt hat sich ein individueller und selbstwirksamer Ansatz. Im ersten Schritt erforschen Patientinnen und Patienten ihren Schmerz, etwa mit Hilfe eines Schmerztagebuchs: In welcher Situation wird er besser, schlechter? Wie genau fühlt er sich an? Anhand der Notizen leiten spezialisierte Behandler wie Ärzte für Spezielle Schmerztherapie, Psychosomatiker und ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten sowie Hausärzte, die eine ganzheitliche Behandlung anbieten, weitere Schritte ein.

mymedAQ: Wie sehen die Schritte aus?
Prof. R. N.: Das können Entspannungsübungen sein, die Patientinnen und Patienten lernen, oder auch Ablenkungsstrategien, zum Beispiel unter Menschen zu gehen, selbst wenn man keine Lust hat, oder sich etwas Gutes zu tun, wie Musik zu hören oder zu lesen, falls möglich. Ziel der Therapie ist es, aus dem Negativzirkel aus Schmerz, depressiver Verstimmung, sozialer Isolation herauszuführen, das Selbstwertgefühl zu stärken und zu ermuntern, wieder aktiv und lustvoll im Leben zu stehen.

mymedAQ: Musik hören gegen Migräne, das klingt einfach.
Prof. R. N.: So einfach und pauschal funktioniert das natürlich nicht! Eine ganzheitliche Schmerztherapie muss individuell abgestimmt sein. Sie erfordert vom Behandler viel Erfahrung und von Patientinnen und Patienten viel Zeit und Geduld.  

mymedAQ: Gibt es Strategien, die bei den meisten wirken?
Prof. R. N.: Ja, denken Sie an kleine Kinder, die weinen. Wir trösten sie, wir geben ihnen liebevolle Zuwendung und lenken sie von ihrem Schmerz ab. All das wirkt auch bei Erwachsenen. Aber wie kleine Kinder, reagieren auch wir unterschiedlich. Um beim Beispiel Musik zu bleiben: Den einen beruhigt sie, dem anderen bereitet sie zusätzliche Kopfschmerzen.

mymedAQ: Empfinden Menschen Schmerzen eigentlich unterschiedlich stark, was die eine als unerträglich wahrnimmt, kann eine andere mit ,halb so wild´ beschreiben?
Prof. R. N.: Ja, Schmerzempfinden ist subjektiv. Wir bitten Patienten, die Stärke auf einer Skala von eins bis zehn anzugeben, die Ziffer ist jedoch keine absolute Größe. Allerdings kann man sagen, dass bei einem erhöhten Grundschmerzpegel zusätzliche Schmerzen weniger gut toleriert werden.

mymedAQ: Können Sie das bitte erläutern?
Prof. R. N.: Es gibt Versuche im Kernspintomographen mit gesunden Frauen und Frauen, die an Fibromyalgie leiden, einer Erkrankung mit erheblichen chronischen Schmerzen am ganzen Körper. Ein Versuchsleiter übt bei beiden Gruppen Druck auf die Daumen aus, betrachtet das Areal, das dadurch im Gehirn aktiviert wird, und bittet die Teilnehmerinnen, die Stärke des Schmerzes mit einer Ziffer zwischen eins und zehn zu beschreiben. Ist die angegebene Schmerzintensität gleich, also etwa bei 5, sind auch vergleichbare Hirnareale aktiviert. Allerdings reicht bei den Fibromyalgie-Patientinnen ein geringerer Druck, damit diese die Schmerzstärke 5 angeben.

mymedAQ: Deutet das Ergebnis darauf hin, dass gesunde Frauen weniger schmerzempfindlich sind?
Prof. R. N.: Ja, und es bedeutet auch, dass in Folge chronischer Schmerzen die Schmerztoleranz abnimmt und auch die Fähigkeit des Gehirns, Schmerzen zu unterdrücken und zu filtern, geschwächt ist. Je dauerhafter und stärker Stress und Belastungen anhalten, desto stärker sind diese Fähigkeiten beeinträchtigt, recht unabhängig von der Ursache des Schmerzes.

mymedAQ: Die Toleranz gegenüber körperlichem Schmerz nimmt also auch ab, wenn man seelisch leidet?
Prof. R. N.: Ja, wer zum Beispiel unter andauerndem Stress oder chronischen Angstzuständen leidet, hat einen erhöhten Grundpegel und ist in vielen Fällen schmerzempfindlicher. Das kann ein Teufelskreis werden, den es in einer Therapie zu durchbrechen gilt. Im Übrigen können seelischer Schmerz, Stress und soziale Belastung auch selbst körperliche Schmerzen verursachen. In beiden Fällen entwickelt sich eine sogenannte stressinduzierte Hyperalgesie, eine stressbedingte gesteigerte Schmerzempfindlichkeit.

mymedAQ: Eine Stresssituation kann uns aber auch den Schmerz vergessen lassen. Wenn wir vor einer Gefahr fliehen, spüren wir den verstauchten Knöchel kaum.
Prof. R. N.: Das ist entwicklungsgeschichtlich so angelegt, und es stimmt für akuten Schmerz. Wenn wir uns den Kopf anschlagen, ist das nagende Hungergefühl plötzlich verschwunden, denn es ist wichtiger, erst einmal die Kopfverletzung zu versorgen als weiter den Säbelzahntiger zu jagen. Aber chronischer Schmerz hat eine eigene Dynamik entwickelt, die unser Leben nicht schützt, sondern belastet.

mymedAQ: Wo im Gehirn manifestiert sich Schmerzempfinden?
Prof. R. N.: Sowohl bei akuten als auch bei chronischen Schmerzen werden die selben Gebiete aktiviert, vor allem die somatosensorische Hirnrinde, die so genannte Insula, und die vordere cinguläre Hinterrinde (ACC). Das kann man in der Kernspintomographie als Aufleuchten erkennen.

mymedAQ: Wenn ich mir mit dem Hammer auf den Daumen schlage, leuchten Areale auf, die umso größer sind, je härter der Schlag trifft?
Prof. R. N.: Ja, so ungefähr. Und interessanterweise leuchten die gleichen Gebiete, wenn Sie traurig oder auf andere Weise seelisch verletzt sind. Im Kernspin sieht ein gebrochenes Herz einem gebrochenen Bein zum Verwechseln ähnlich. Auch das zeigt die enge Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper, die übrigens auch ein einfaches Experiment illustriert.

mymedAQ: Können Sie es bitte kurz beschreiben?
Prof. R. N.: Ein Versuchsleiter spielt ein virtuelles Ballspiel mit zwei Probanden. Jeder drückt eine Taste, um den Ball an den Nachbarn weiter zu geben. Das geht eine Weile im Dreieck reihum, bis der Leiter eine Person auslässt und der Ballwechsel nur noch zwischen zwei Personen stattfindet.

mymedAQ: Der Versuch simuliert also eine Mobbing-Situation?
Prof. R. N.: Richtig. Und das Schmerzzentrum der gemobbten Person reagiert, als hätte sie eine körperliche Verletzung. Das ist die physiologische Erklärung, warum wir seelische oft als körperliche Schmerzen wahrnehmen.

mymedAQ: Etwas schlägt uns auf den Magen, bereitet uns Kopfzerbrechen, macht uns Bauchschmerzen.
Prof. R. N.: Genau, der Volksmund beschreibt diese Verknüpfung, sie ist allgemein bekannt und inzwischen wissenschaftlich belegt.


mymedAQ: Wie wirken sich soziale Faktoren auf das Schmerzempfinden aus?
Prof. R. N.: Denken Sie an den Geburtsschmerz, für den viele Frauen hohe Werte angeben dürften. Und trotzdem kommen nicht wenige ohne Medikamente aus. Die Schmerzwahrnehmung wird durch mehrere andere Faktoren gedämpft, unter anderem durch die Anteilnahme des Vaters und der Geburtshelferinnen. Die Gebärende wird gelobt und bekommt Zuspruch während der Wehen. Ihr Schmerz wird von der Umgebung wertgeschätzt und dadurch von ihr selbst als weniger schlimm wahrgenommen.

mymedAQ: Wäre Migräne gesellschaftlich geachtet, ginge es einem damit besser?
Prof. R. N.: Das ist sehr verkürzt, aber im Kern richtig. Viele Schmerzpatientinnen und -patienten haben das Gefühl, als Mitglied einer Gemeinschaft zu versagen, weil sie dem Schmerz ausgeliefert und nicht mehr wie gewohnt leistungsfähig sind. Ein Teil der Therapie kann sein, das Selbstwertgefühl und das Bewusstsein zu stärken, nach wie vor ein wichtiger Teil der Gesellschaft zu sein. Schmerz ist nichts, für das man sich schämen muss.

mymedAQ: Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede im Schmerzempfinden?
Prof. R. N.: Ein Indianer kennt keinen Schmerz, an diesem Spruch ist sicherlich ein wahrer Kern. Es gibt Kulturen, in denen es verpönt ist, Schmerz zu zeigen und andere, die ihn geradezu zelebrieren. Denken Sie an Klageweiber in südlichen Ländern, die den seelischen Schmerz der Trauer als ein kollektives Ereignis zum Ausdruck bringen. In Europa gibt es ein Nord-Südgefälle, der Norden erträgt Schmerz stoischer als der Süden, aber ob der Schmerz individuell auch als weniger stark wahrgenommen wird, das lässt sich nicht sagen.

mymedAQ: Bis zu einem gewissen Grad haben wir es in der Hand, dem Schmerz nachzugeben.
Prof. R. N.: Ja, da wären wir wieder beim Fakir. Wir müssen nicht zwangsläufig die Kontrolle abgeben, sondern können mitbestimmen, ob wir den Schmerz kontrollieren oder er uns.

mymedAQ: Verschwindet Schmerz, wenn wir ihn kontrollieren?
Prof. R. N.: Er verliert an Bedeutung und kann dadurch ganz aus unserem Bewusstsein verschwinden, wir haben keinen Schmerz mehr.

mymedAQ: Wie gehen Sie selbst mit akuten Schmerzen um? Sind Sie sparsam mit Medikamenten?
Prof. R. N.: Ja, es ist einen Versuch wert, erst einmal in sich hinein zu hören und sich mit etwas Schönem abzulenken, bevor man in die Apotheke oder zum Arzt geht. Bei ernsten Erkrankungen und bedrohlichen Beschwerden ist das natürlich keine Lösung. Es gilt immer sich selbst kennenzulernen und in Erfahrung zu bringen, was einem selbst bei Schmerzen wirklich hilft. Ist dies ein Medikament, das bei sporadischen Schmerzen eingenommen wird und gut hilft, prima.

mymedAQ: Sollte man so lange wie möglich warten, bis man eine Tablette schluckt?
Prof. R. N.: Es ist kein Verdienst oder ein Beweis von Stärke, Schmerz möglichst lange auszuhalten. Wenn er seine Funktion als Warnsignal erfüllt hat, gibt es überhaupt keinen Grund, ihn nicht abzuschalten. Und öfter als viele denken, reicht dazu ein Spaziergang oder ein nettes Gespräch.

mymedAQ: Professor Nickel, vielen Dank für das Gespräch!

 

Adressen & Tipps

Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.
Die größte wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft im Bereich Schmerz in Europa informiert gut verständlich über Arten von Schmerz, das Entstehen und den Umgang mit Schmerz, über Therapien und aktuelle Forschungen, dazu findet man Buchtipps und Adressen von Selbsthilfegruppen.

beta Institut gemeinnützige GmbH
Auf der Seite finden sich umfassende Information zu Schmerzarten, Ursachen, Therapien, Selbsthilfegruppen, zu Pflegegraden und Schwerbehindertenstatus auf Grund chronischer Schmerzen und vielem mehr. Ausführliche Informationen für Schmerzpatienten zu den Themengebieten Sozialrecht und Psychosoziales gibt es als gratis Download: Ratgeber Schmerz.

Selbsthilfegruppen in Wiesbaden und im Umland, die bei Schmerzen weiterhelfen können
Rheuma-Liga Hessen e. V.
Selbsthilfegruppe Wiesbaden 

Bundesverband Neurofibromatose e. V.
Gruppe Rhein-Main

Kirchenfenster Schwalbe 6
Offene Sprechstunde für Trauernde und Trauercafé

Trauernde Eltern & Kinder
Rhein-Main e.V. 

SHG “Migräne” Wiesbaden
Frauengesundheitszentrum SIRONA

Mehr Informationen bei mymedAQ.de
Die mymedAQ-Telefon-Hotline berät individuell und gratis auch zum Thema Schmerz.

Im mymedAQ-Gesundheitslexikon finden Sie aktuelle Fachartikel zum Thema

Sie haben Anregungen, eine Kritik, wollen Ihren Termin einstellen oder Themenvorschläge machen? Schreiben Sie uns bitte unter redaktion(at)mymedaq.de

mymedAQ Magazin: Weitere Interviews

Weitere Interviews

Wiesbadener Expert*innen  beantworten aktuelle Gesundheitsfragen und begründen ihre Meinungen. Dazu nennen wir Adressen und geben  Tipps, die weiter helfen.

null Professor Thomas Weber zum Thema: Genügend und das Richtige trinken

Warum können wir uns nicht
auf unseren Durst verlassen?

Der Klimawandel kostet weltweit Leben. Je heißer es wird, desto mehr Menschen sterben in Folge hoher Temperaturen und des Flüssigkeitsmangels, im jüngsten deutschen Hitzesommer 2018 waren es nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts allein in Hessen 740. Wir sprachen mit Professor Thomas Weber über besonders gefährdete Gruppen, zu denen nicht nur Senioren zählen, über Wasser, Wein und Strategien für mehr Trinkfreude in heißen und kalten Zeiten

 

 

Professor Dr. med. Thomas Weber ist Internist und Arbeitsmediziner und war lange Jahre Direktor des Instituts für Arbeitsmedizin, Prävention und Gesundheitsförderung der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken, Wiesbaden. Er ist Mitglied zahlreicher Fach- und Berufsverbände, Gremien und Arbeitskreise, Honorarprofessor der Frankfurt University of Applied Sciences, Dozent der Akademie für Arbeits-Sozial-und Umweltmedizin der Landesärztekammer Hessen und hat eine Praxis in der Wilhelm Fresenius Klinik. Adresse und mehr Informationen

©Professor Thomas Weber, Internist und Arbeitsmediziner

"Wichtig ist, sich am Wassertrinken zu erfreuen und Wasser wertzuschätzen"

MymedAQ: Professor Weber, die Bundesärztekammer empfiehlt Erwachsenen, täglich anderthalb bis zwei Liter Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Schließen Sie sich an?
Professor Thomas Weber: Anderthalb Liter täglich zu trinken, ist ein guter Orientierungswert für durchschnittliche Erwachsene. Dies entspricht einer Flüssigkeitszufuhr von 30 bis 40 Millilitern pro Tag und Kilogramm Körpergewicht. Eingerechnet ist dabei auch die in Nahrungsmitteln enthaltene Flüssigkeit. Eine zierliche Person benötigt deutlich weniger Flüssigkeit als ein kräftiger Athlet, auch kleine Kinder und Schwangere müssen vergleichsweise mehr trinken. Und bei Hitze und Fieber oder körperlicher Anstrengung steigt der Bedarf ebenfalls.

MymedAQ: Um wieviel? Die Bundesärztekammer empfiehlt bei körperlicher Arbeit oder Sport und an Hitzetagen die bis zu dreifache Menge, also sechs Liter.
Prof. T. W: Damit ist man auf der sicheren Seite, aber letztlich sind die notwendigen Trinkmengen individuell verschieden. Meiner Erfahrung nach können sich dabei viele Menschen nicht auf ihr Durstgefühl verlassen und besonders im Alter ist das Durstgefühl häufig herabgesetzt.

MymedAQ: Was tun, wenn man sich auf sein Durstgefühl nicht verlassen kann?
Prof. T. W: Ich empfehle jedem, seine eigene Trinkkultur zu entwickeln, zum Beispiel Trinkrituale in den Tagesablauf einzubauen.

MymedAQ: Sie meinen eine Art Teezeremonie nach japanischem Vorbild?
Prof. T. W.: Das passt nicht zu jedem. Es gibt einfachere Alternativen, sich an das Trinken zu erinnern, zum Beispiel eine griffbereite Flasche Mineralwasser beim Sport oder bei der Arbeit. Einige motiviert eine Wasserkaraffe auf dem Schreibtisch, für manch andere sind Apps geeignet oder das Prinzip, zu jeder vollen Stunde ein Glas Wasser zu trinken. Ich mag gerne Kaffee, und mein Ritual ist es, zu jeder Tasse ein Glas Wasser zu trinken, so wie es in Wiener Cafés angeboten wird.

MymedAQ: Und was empfehlen Sie Nichtkaffeetrinkern?
Prof. T. W: Freude am Trinken zu entwickeln! Dabei helfen auch hübsche Trinkgefäße und ein Maß an Abwechslung bei der Auswahl an Getränken. Es muss nicht immer Wasser sein. Betrachten Sie Trinken als Achtsamkeitsübung!

MymedAQ: Ist Kaffee in dem Sinne ein Getränk? Lange Zeit wurde ihm nachgesagt, dass er dem Körper sogar Wasser entzieht.
Prof. T. W: Das gilt für die Praxis nicht mehr. Im Übrigen ist auch Alkohol in kleinen Mengen aus Sicht der Flüssigkeitszufuhr akzeptabel. Ein Glas Weinschorle oder Gespritzter zählt bei der Trinkmenge mit. Allerdings bleiben die Gefahren größerer Mengen Alkohol als Gesundheitsrisiko bestehen. Und während der Schwangerschaft und für Kinder ist Alkohol ohnehin tabu.

MymedAQ: Nicht nur Senioren, auch viele Kinder neigen dazu, das Trinken zu vergessen. Welche Rituale können ihnen helfen?
Prof. T. W: Wenn das selbst dran Denken nicht ausreicht, helfen die Erinnerung durch Angehörige und Pflegende und die Vorbildfunktion der Eltern. Außerdem kann eine hübsche Flasche oder ein besonderer Becher schon kleinen Kindern Lust aufs Trinken machen. Wenn das nicht wirkt, bleibt Müttern und Vätern nichts anders übrig, als ihnen mit der Trinkflasche hinterher zu laufen.

MymedAQ: Wie sieht es mit Süßgetränken aus, sind sie unproblematische Flüssigkeitslieferanten?
Prof. T. W: Sie sind aus einigen Gründen nicht zu empfehlen. So können sie zum Beispiel Karies und Übergewicht begünstigen. Süßgetränke sollen nur in geringen Mengen ein Beitrag zur täglichen Flüssigkeitszufuhr sein.  
MymedAQ: Und gelten Suppen als Getränk? Ist Salziges nicht gesundheitsschädlich?
Prof. T. W.: Suppen, etwa milde Brühen, sind auf jeden Fall geeignet, den Flüssigkeitsbedarf mit abzudecken. Brühe kann sogar gut sein. Sportler und Arbeiter, die viel schwitzen, können mit Salzigem ihren erhöhten Bedarf hervorragend decken. Allerdings sollten Menschen mit hohem Blutdruck Salz generell eher meiden. Und natürlich kann stark Salziges in großen Mengen, wie etwa Meerwasser, den Mineralhaushalt so durcheinanderbringen, dass man im Extremfall sterben kann.

MymedAQ: Und wie ist es mit Mineralwässern?
Prof. T. W.: Mineralwässer stammen aus Mineralquellen und enthalten im Vergleich zu Trinkwasser meist höhere Konzentration an Mineralien wie Natrium, Chlorid, Kalium, Magnesium und Calcium. Sie gelten, neben Trinkwasser, für die alltägliche Flüssigkeitszufuhr als bestens geeignet und sind für die meisten gesund. Es ist aber sinnvoll, auf die Mineralstoffzusammensetzung zu achten. Sehr calciumhaltige Mineralwässer empfehlen sich zum Beispiel für Schwangere oder bei Milchunverträglichkeit. Natriumreiche Wässer sind besonders nach Natriumchlorid-, also Salzverlusten, bei starkem Schwitzen oder Sport empfehlenswert.

MymedAQ: Und was halten Sie von Elektolytgetränken?
Prof. T. W: Elektrolytgetränke sind mit Mineralien oder Elektrolyte und gegebenenfalls mit weiteren Zusätzen angereichert. Das ist nicht notwendig, kann jedoch für Sportler sinnvoll sein. Im Übrigen ist Trinkwasser in Deutschland für jeden zu empfehlen, es gibt hierzulande hohe Reinheitsvorschriften.  

MymedAQ: Welches von den genannten Wässern ist denn am besten, ein salzarmes, magnesiumreiches, eines mit oder ohne Kohlensäure?
Prof. T. W: Am besten ist das Wasser, das einem am besten schmeckt! Ich empfehle allen, die danach fragen, eine Wasserprobe zu veranstalten, ähnlich wie eine Weinprobe. Machen Sie es allein oder laden Sie Freunde ein. Dabei werden Sie nicht nur Ihren Favoriten finden, sondern sehen, wie sehr sich allein am stillen Wasser und kohlensäurehaltigen Wasser die Geister scheiden.

MymedAQ: Was ist Ihr Favorit?
Prof. T. W.: Ich trinke gerne Wiesbadener Leitungswasser. Wir haben hier hervorragende Taunusquellen ganz nach meinem Geschmack. Ich mag Wasser am liebsten mit Kohlensäure. Der Kohlensäuregehalt spielt für die Gesundheit keine Rolle, da kann man seiner Vorliebe folgen. Und sehr gern gebe ich meinem Wasser etwas Geschmack hinzu, zum Beispiel mit Zitrone und Pfefferminzblättern oder anderem Obst und Kräutern.

MymedAQ: Was ist eine gesunde Alternative zu Wasser und dem von Ihnen beschriebenen aromatisierten Wasser?
Prof. T. W.: Unterschiedliche Kräuter-, Früchte- und Schwarzteesorten, auch bei ihnen empfiehlt sich das Ausprobieren. Beim angereicherten oder aromatisiertes Wasser sind der Fantasie übrigens kaum Grenzen gesetzt. Das Spektrum reicht von Obstsorten wie Äpfeln, Birnen, Kiwis über Beeren wie Erdbeeren, Blaubeeren, Himbeeren bis zu Pflanzenbestandteilen wie Pfefferminzblättern, Holunder- und Lavendelblüten oder Rosmarinzweigen. Als Zutat eignet sich alles, was Lust aufs Trinken macht und Abwechslung bringt. Die Mischung von Wasser mit einem Teil Fruchtsaft als Schorle oder mit einer kleine Menge Sirup ist auch gut, ebenso Buttermilch, vor allem an warmen Tagen.

MymedAQ: Was passiert eigentlich, wenn ich zu wenig trinke?
Prof. T. W: Das Gehirn besteht bis zu 90 Prozent aus Wasser und meldet sich sehr früh mit Kopfweh, Schwindel, Konzentrationsproblemen, und gleich danach der Kreislauf. Viele, die sich abgeschlagen fühlen, haben einfach nur zu wenig getrunken. Beschwerden dieser Art lassen sich oft schnell mit Wasser oder den anderen erwähnten Getränken beheben.

MymedAQ: An welchen Signalen erkennt man eine gefährliche Dehydration?
Prof. T. W.: Man könne bis drei Tage ohne Trinken überleben und bis zu 30 Tage ohne Essen, sagt man. Nach einem halben Tag kann es bereits gefährlich werden, vor allem für Menschen mit einem erhöhten Wasserbedarf, wie kleinen Kindern. Die Symptome sind vielfältig und vom Schweregrad abhängig, unter ihnen sind Durst, Bewegungsmangel, trockene Lippen, trockener Mund, eingefallene Augen und Hautfalten, dunkler und schließlich fehlender Urin, Verwirrung und Apathie, auch eingefallene Stellen zwischen Schädelknochen bei Kindern.  Neben zu wenig Flüssigkeitszufuhr, führen übrigens nicht selten Durchfall und Erbrechen zur Dehydratation.

MymedAQ: Meistens trifft das alte und einsame Menschen, bei denen niemand bemerkt, dass sie zu wenig trinken. In Pflegeeinrichtungen sind es oft die Angehörigen, die darauf drängen, dass das volle Glas auf dem Nachttisch ausgetrunken wird. Gab es in Wiesbaden mehr Fälle von Exsikkose, Austrocknung, als Besuchszeiten in den Heimen wegen Corona eingeschränkt waren?
Prof. T. W: Nein, davon ist mir nichts bekannt. Die Trinkkonzepte der Heime in der Stadt und im Umland sind sehr gut. Die Beschäftigten sind sich der Problematik bewusst, gut geschult und aufmerksam. Alte Menschen, die allein wohnen und niemanden haben, der regelmäßig nach ihnen schaut, sind stärker gefährdet. Angehörige und Besucher sollten ältere Menschen vorsichtshalber generell ans Trinken erinnern und sie animieren. Schenken Sie ihnen eine Tasse mit einem Foto der Enkel oder etwas anderes war, das ihnen Freude beim Trinken macht.

MymedAQ: Wann wird es gefährlich zu viel zu trinken?
Prof. T. W:  Übertrinken passiert so gut wie nie, da müssten Sie in kurzer Zeit, in ein, zwei Stunden, mehr als zehn Liter zu sich nehmen. Dann verdünnen sich die Natriummenge und andere Bestandteile im Blut stark. Dadurch kann die Körperchemie so durcheinander geraten, dass man sterben kann. Doch solche Mengen zu trinken schafft kaum jemand.

MymedAQ: Jetzt, in der kühleren Jahreshälfte, nimmt das Risiko ab, die Gesundheit durch zu wenig trinken zu schädigen, oder?
Prof. T. W: Der Flüssigkeitsbedarf sinkt, aber andererseits trocknen Kälte und Heizungsluft die Schleimhäute aus und machen sie anfälliger für Keime. Wer zu wenig trinkt, und sie dadurch nicht genügend feucht hält, hat ein höheres Infektionsrisiko. In Zeiten von Corona ist es also besonders wichtig, das ganze Jahr über bewusst und konsequent viel zu trinken.

MymedAQ: Professor Weber, vielen Dank für das Gespräch!

 

Adressen & Tipps

Broschüren und Sites zum richtigen Trinken und Verhalten bei Hitze

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration schlägt Verhaltensregeln für heiße Sommertage vor und hat dazu u.a. einen Hitzeknigge veröffentlicht
Weitere Informationen des Ministeriums für Soziales und Integration
Broschüre Hitzeknigge als Download

Der Deutsche Wetterdienst veröffentlich in seinem Newsletter Hitzewarnungen für Bundesländer und Landkreise
Newsletter abonnieren

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) berät auf ihrer Seite ausführlich zum Thema Trinken und  Senioren und hat die Broschüre Wasser trinken – fit bleiben veröffentlicht
Weitere Informationen der DGE
Broschüre Wasser trinken – fit bleiben als Download

Auf der Seite der Stadt Wiesbaden gibt´s sommerliche Gesundheitstipps – und die gleichnamige Broschüre 
Weitere Informationen der Stadt Wiesbaden
Broschüre Sommerliche Gesundheitstipps als Download