Warum können wir uns nicht
auf unseren Durst verlassen?

Der Klimawandel kostet weltweit Leben. Je heißer es wird, desto mehr Menschen sterben in Folge hoher Temperaturen und des Flüssigkeitsmangels, im jüngsten deutschen Hitzesommer 2018 waren es nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts allein in Hessen 740. Wir sprachen mit Professor Thomas Weber über besonders gefährdete Gruppen, zu denen nicht nur Senioren zählen, über Wasser, Wein und Strategien für mehr Trinkfreude in heißen und kalten Zeiten

Professor Dr. med. Thomas Weber ist Internist und Arbeitsmediziner und war lange Jahre Direktor des Instituts für Arbeitsmedizin, Prävention und Gesundheitsförderung der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken, Wiesbaden. Er ist Mitglied zahlreicher Fach- und Berufsverbände, Gremien und Arbeitskreise, Honorarprofessor der Frankfurt University of Applied Sciences, Dozent der Akademie für Arbeits-Sozial-und Umweltmedizin der Landesärztekammer Hessen und hat eine Praxis in der Wilhelm Fresenius Klinik. Adresse und mehr Informationen

©Professor Thomas Weber, Internist und Arbeitsmediziner

"Wichtig ist, sich am Wassertrinken zu erfreuen und Wasser wertzuschätzen"

MymedAQ: Professor Weber, die Bundesärztekammer empfiehlt Erwachsenen, täglich anderthalb bis zwei Liter Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Schließen Sie sich an?
Professor Thomas Weber: Anderthalb Liter täglich zu trinken, ist ein guter Orientierungswert für durchschnittliche Erwachsene. Dies entspricht einer Flüssigkeitszufuhr von 30 bis 40 Millilitern pro Tag und Kilogramm Körpergewicht. Eingerechnet ist dabei auch die in Nahrungsmitteln enthaltene Flüssigkeit. Eine zierliche Person benötigt deutlich weniger Flüssigkeit als ein kräftiger Athlet, auch kleine Kinder und Schwangere müssen vergleichsweise mehr trinken. Und bei Hitze und Fieber oder körperlicher Anstrengung steigt der Bedarf ebenfalls.

MymedAQ: Um wieviel? Die Bundesärztekammer empfiehlt bei körperlicher Arbeit oder Sport und an Hitzetagen die bis zu dreifache Menge, also sechs Liter.
Prof. T. W: Damit ist man auf der sicheren Seite, aber letztlich sind die notwendigen Trinkmengen individuell verschieden. Meiner Erfahrung nach können sich dabei viele Menschen nicht auf ihr Durstgefühl verlassen und besonders im Alter ist das Durstgefühl häufig herabgesetzt.

MymedAQ: Was tun, wenn man sich auf sein Durstgefühl nicht verlassen kann?
Prof. T. W: Ich empfehle jedem, seine eigene Trinkkultur zu entwickeln, zum Beispiel Trinkrituale in den Tagesablauf einzubauen.

MymedAQ: Sie meinen eine Art Teezeremonie nach japanischem Vorbild?
Prof. T. W.: Das passt nicht zu jedem. Es gibt einfachere Alternativen, sich an das Trinken zu erinnern, zum Beispiel eine griffbereite Flasche Mineralwasser beim Sport oder bei der Arbeit. Einige motiviert eine Wasserkaraffe auf dem Schreibtisch, für manch andere sind Apps geeignet oder das Prinzip, zu jeder vollen Stunde ein Glas Wasser zu trinken. Ich mag gerne Kaffee, und mein Ritual ist es, zu jeder Tasse ein Glas Wasser zu trinken, so wie es in Wiener Cafés angeboten wird.

MymedAQ: Und was empfehlen Sie Nichtkaffeetrinkern?
Prof. T. W: Freude am Trinken zu entwickeln! Dabei helfen auch hübsche Trinkgefäße und ein Maß an Abwechslung bei der Auswahl an Getränken. Es muss nicht immer Wasser sein. Betrachten Sie Trinken als Achtsamkeitsübung!

MymedAQ: Ist Kaffee in dem Sinne ein Getränk? Lange Zeit wurde ihm nachgesagt, dass er dem Körper sogar Wasser entzieht.
Prof. T. W: Das gilt für die Praxis nicht mehr. Im Übrigen ist auch Alkohol in kleinen Mengen aus Sicht der Flüssigkeitszufuhr akzeptabel. Ein Glas Weinschorle oder Gespritzter zählt bei der Trinkmenge mit. Allerdings bleiben die Gefahren größerer Mengen Alkohol als Gesundheitsrisiko bestehen. Und während der Schwangerschaft und für Kinder ist Alkohol ohnehin tabu.

MymedAQ: Nicht nur Senioren, auch viele Kinder neigen dazu, das Trinken zu vergessen. Welche Rituale können ihnen helfen?
Prof. T. W: Wenn das selbst dran Denken nicht ausreicht, helfen die Erinnerung durch Angehörige und Pflegende und die Vorbildfunktion der Eltern. Außerdem kann eine hübsche Flasche oder ein besonderer Becher schon kleinen Kindern Lust aufs Trinken machen. Wenn das nicht wirkt, bleibt Müttern und Vätern nichts anders übrig, als ihnen mit der Trinkflasche hinterher zu laufen.

MymedAQ: Wie sieht es mit Süßgetränken aus, sind sie unproblematische Flüssigkeitslieferanten?
Prof. T. W: Sie sind aus einigen Gründen nicht zu empfehlen. So können sie zum Beispiel Karies und Übergewicht begünstigen. Süßgetränke sollen nur in geringen Mengen ein Beitrag zur täglichen Flüssigkeitszufuhr sein.  
MymedAQ: Und gelten Suppen als Getränk? Ist Salziges nicht gesundheitsschädlich?
Prof. T. W.: Suppen, etwa milde Brühen, sind auf jeden Fall geeignet, den Flüssigkeitsbedarf mit abzudecken. Brühe kann sogar gut sein. Sportler und Arbeiter, die viel schwitzen, können mit Salzigem ihren erhöhten Bedarf hervorragend decken. Allerdings sollten Menschen mit hohem Blutdruck Salz generell eher meiden. Und natürlich kann stark Salziges in großen Mengen, wie etwa Meerwasser, den Mineralhaushalt so durcheinanderbringen, dass man im Extremfall sterben kann.

MymedAQ: Und wie ist es mit Mineralwässern?
Prof. T. W.: Mineralwässer stammen aus Mineralquellen und enthalten im Vergleich zu Trinkwasser meist höhere Konzentration an Mineralien wie Natrium, Chlorid, Kalium, Magnesium und Calcium. Sie gelten, neben Trinkwasser, für die alltägliche Flüssigkeitszufuhr als bestens geeignet und sind für die meisten gesund. Es ist aber sinnvoll, auf die Mineralstoffzusammensetzung zu achten. Sehr calciumhaltige Mineralwässer empfehlen sich zum Beispiel für Schwangere oder bei Milchunverträglichkeit. Natriumreiche Wässer sind besonders nach Natriumchlorid-, also Salzverlusten, bei starkem Schwitzen oder Sport empfehlenswert.

MymedAQ: Und was halten Sie von Elektolytgetränken?
Prof. T. W: Elektrolytgetränke sind mit Mineralien oder Elektrolyte und gegebenenfalls mit weiteren Zusätzen angereichert. Das ist nicht notwendig, kann jedoch für Sportler sinnvoll sein. Im Übrigen ist Trinkwasser in Deutschland für jeden zu empfehlen, es gibt hierzulande hohe Reinheitsvorschriften.  

MymedAQ: Welches von den genannten Wässern ist denn am besten, ein salzarmes, magnesiumreiches, eines mit oder ohne Kohlensäure?
Prof. T. W: Am besten ist das Wasser, das einem am besten schmeckt! Ich empfehle allen, die danach fragen, eine Wasserprobe zu veranstalten, ähnlich wie eine Weinprobe. Machen Sie es allein oder laden Sie Freunde ein. Dabei werden Sie nicht nur Ihren Favoriten finden, sondern sehen, wie sehr sich allein am stillen Wasser und kohlensäurehaltigen Wasser die Geister scheiden.

MymedAQ: Was ist Ihr Favorit?
Prof. T. W.: Ich trinke gerne Wiesbadener Leitungswasser. Wir haben hier hervorragende Taunusquellen ganz nach meinem Geschmack. Ich mag Wasser am liebsten mit Kohlensäure. Der Kohlensäuregehalt spielt für die Gesundheit keine Rolle, da kann man seiner Vorliebe folgen. Und sehr gern gebe ich meinem Wasser etwas Geschmack hinzu, zum Beispiel mit Zitrone und Pfefferminzblättern oder anderem Obst und Kräutern.

MymedAQ: Was ist eine gesunde Alternative zu Wasser und dem von Ihnen beschriebenen aromatisierten Wasser?
Prof. T. W.: Unterschiedliche Kräuter-, Früchte- und Schwarzteesorten, auch bei ihnen empfiehlt sich das Ausprobieren. Beim angereicherten oder aromatisiertes Wasser sind der Fantasie übrigens kaum Grenzen gesetzt. Das Spektrum reicht von Obstsorten wie Äpfeln, Birnen, Kiwis über Beeren wie Erdbeeren, Blaubeeren, Himbeeren bis zu Pflanzenbestandteilen wie Pfefferminzblättern, Holunder- und Lavendelblüten oder Rosmarinzweigen. Als Zutat eignet sich alles, was Lust aufs Trinken macht und Abwechslung bringt. Die Mischung von Wasser mit einem Teil Fruchtsaft als Schorle oder mit einer kleine Menge Sirup ist auch gut, ebenso Buttermilch, vor allem an warmen Tagen.

MymedAQ: Was passiert eigentlich, wenn ich zu wenig trinke?
Prof. T. W: Das Gehirn besteht bis zu 90 Prozent aus Wasser und meldet sich sehr früh mit Kopfweh, Schwindel, Konzentrationsproblemen, und gleich danach der Kreislauf. Viele, die sich abgeschlagen fühlen, haben einfach nur zu wenig getrunken. Beschwerden dieser Art lassen sich oft schnell mit Wasser oder den anderen erwähnten Getränken beheben.

MymedAQ: An welchen Signalen erkennt man eine gefährliche Dehydration?
Prof. T. W.: Man könne bis drei Tage ohne Trinken überleben und bis zu 30 Tage ohne Essen, sagt man. Nach einem halben Tag kann es bereits gefährlich werden, vor allem für Menschen mit einem erhöhten Wasserbedarf, wie kleinen Kindern. Die Symptome sind vielfältig und vom Schweregrad abhängig, unter ihnen sind Durst, Bewegungsmangel, trockene Lippen, trockener Mund, eingefallene Augen und Hautfalten, dunkler und schließlich fehlender Urin, Verwirrung und Apathie, auch eingefallene Stellen zwischen Schädelknochen bei Kindern.  Neben zu wenig Flüssigkeitszufuhr, führen übrigens nicht selten Durchfall und Erbrechen zur Dehydratation.

MymedAQ: Meistens trifft das alte und einsame Menschen, bei denen niemand bemerkt, dass sie zu wenig trinken. In Pflegeeinrichtungen sind es oft die Angehörigen, die darauf drängen, dass das volle Glas auf dem Nachttisch ausgetrunken wird. Gab es in Wiesbaden mehr Fälle von Exsikkose, Austrocknung, als Besuchszeiten in den Heimen wegen Corona eingeschränkt waren?
Prof. T. W: Nein, davon ist mir nichts bekannt. Die Trinkkonzepte der Heime in der Stadt und im Umland sind sehr gut. Die Beschäftigten sind sich der Problematik bewusst, gut geschult und aufmerksam. Alte Menschen, die allein wohnen und niemanden haben, der regelmäßig nach ihnen schaut, sind stärker gefährdet. Angehörige und Besucher sollten ältere Menschen vorsichtshalber generell ans Trinken erinnern und sie animieren. Schenken Sie ihnen eine Tasse mit einem Foto der Enkel oder etwas anderes war, das ihnen Freude beim Trinken macht.

MymedAQ: Wann wird es gefährlich zu viel zu trinken?
Prof. T. W:  Übertrinken passiert so gut wie nie, da müssten Sie in kurzer Zeit, in ein, zwei Stunden, mehr als zehn Liter zu sich nehmen. Dann verdünnen sich die Natriummenge und andere Bestandteile im Blut stark. Dadurch kann die Körperchemie so durcheinander geraten, dass man sterben kann. Doch solche Mengen zu trinken schafft kaum jemand.

MymedAQ: Jetzt, in der kühleren Jahreshälfte, nimmt das Risiko ab, die Gesundheit durch zu wenig trinken zu schädigen, oder?
Prof. T. W: Der Flüssigkeitsbedarf sinkt, aber andererseits trocknen Kälte und Heizungsluft die Schleimhäute aus und machen sie anfälliger für Keime. Wer zu wenig trinkt, und sie dadurch nicht genügend feucht hält, hat ein höheres Infektionsrisiko. In Zeiten von Corona ist es also besonders wichtig, das ganze Jahr über bewusst und konsequent viel zu trinken.

MymedAQ: Professor Weber, vielen Dank für das Gespräch!

 

Adressen & Tipps

Broschüren und Sites zum richtigen Trinken und Verhalten bei Hitze

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration schlägt Verhaltensregeln für heiße Sommertage vor und hat dazu u.a. einen Hitzeknigge veröffentlicht
Weitere Informationen des Ministeriums für Soziales und Integration
Broschüre Hitzeknigge als Download

Der Deutsche Wetterdienst veröffentlich in seinem Newsletter Hitzewarnungen für Bundesländer und Landkreise
Newsletter abonnieren

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) berät auf ihrer Seite ausführlich zum Thema Trinken und  Senioren und hat die Broschüre Wasser trinken – fit bleiben veröffentlicht
Weitere Informationen der DGE
Broschüre Wasser trinken – fit bleiben als Download

Auf der Seite der Stadt Wiesbaden gibt´s sommerliche Gesundheitstipps – und die gleichnamige Broschüre 
Weitere Informationen der Stadt Wiesbaden
Broschüre Sommerliche Gesundheitstipps als Download