Wie wir Schalter gegen Schmerzen finden und umlegen können

Ein akutes Stechen, Ziehen, Pochen verschwindet in der Regel, wenn die Verletzung oder Erkrankung verheilt ist. Anders chronischer Schmerz, der über Monate und Jahre andauert. Wir sprachen mit Professor Dr. med. Ralf Nickel über Ursachen, die an Kuchenteig erinnern, über die Heilkraft von Chemie und Trost und über die Verwandtschaft von gebrochenen Herzen und Knochen.

Prof. Dr. med. Ralf Nickel ist Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, außerdem Vorsitzender des Landesverbandes Hessen der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (DGPM), Mitgründer des hessischen Facharztweiterbildungsverbundes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dozent an der Akademie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Main-Taunus e. V. (APPM) und an weiteren Aus- und Weiterbildungsinstituten, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Fachgesellschaft (DGPM) und Entwickler und Leiter des Curriculums „Psychosomatische Schmerztherapie“ der deutschen Fachgesellschaft (DGPM). Mehr Informationen

Professor Dr. Ralf Nickel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, über Schmerzen und Therapien

„Schmerzen sind individuell wie Fingerabdrücke“

mymedAQ.de: Was ist Schmerz?
Prof. Dr. med. Ralf Nickel: Schmerz ist eine Mischung aus zahlreichen Komponenten. Man kann sich das wie einen Kuchenteig vorstellen. Zutaten, Mengen, Arten variieren, aber das Ergebnis ist immer ein Kuchen.

mymedAQ: Was sind die Grundzutaten?
Prof. R. N.: Biologische Ursachen wie Verletzungen, Entzündungen und Funktionsstörungen, dazu psychische und soziale Einflüsse. Alle drei Komponenten gibt es in vielen Variationen.

mymedAQ: Besteht jede Art von Schmerz aus allen drei Komponenten, auch das Ziehen im Backenzahn?
Prof. R. N.: Bei akuten Schmerzen, die uns vor einer Gefahr warnen – in diesem Beispiel ,Achtung, deine Wurzel oben links hinten ist vereitert, reiß sie raus bevor du eine Sepsis bekommst!` –, überwiegen die biologischen Ursachen bei weitem. Aber denken Sie an einen Fakir! Er zeigt, dass auch die beiden anderen bei akuten Schmerzen eine Rolle spielen können.
 

mymedAQ: Ein Fakir spürt die Nagelspitzen nicht, die sich in seine Haut bohren. Wie gelingt es ihm, den Schalter umzulegen? Durch Willenskraft?
Prof. R. N.: Er lenkt durch Meditation seine Aufmerksamkeit weg von den Nagelspitzen. Das veranschaulicht, dass bei Schmerzen nicht die Biologie allein eine Rolle spielt. Auch und gerade psychische und soziale Einflüsse wirken mit und sind bei chronischen Schmerzen sogar ganz entscheidend. Schalter zum Ausschalten von Schmerzen gibt es in allen drei Bereichen.

mymedAQ: Hilft Meditation generell gegen Schmerz?
Prof. R. N.: Sie kann einige Arten von Schmerzen lindern oder ausschalten, erfordert jedoch einige Übung. Es gibt Methoden, die einfacher zu erlernen sind.

mymedAQ: Die Schalter, die wohl am einfachsten zu betätigen sind, sind Medikamente. Was spricht gegen sie?
Prof. R. N.: Zunächst einmal nichts, bei akuten Schmerzen können Tabletten, Salben und Spritzen eine geeignete Therapie sein. Gegen chronische Schmerzen reicht diese Behandlung der körperlichen Symptome allein jedoch in der Regel nicht aus. Sie kann sogar zusätzliche Beschwerden verursachen, neben Abhängigkeit, etwa sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerzen.

mymedAQ: Was ist die Alternative?
Prof. R. N.: Bewährt hat sich ein individueller und selbstwirksamer Ansatz. Im ersten Schritt erforschen Patientinnen und Patienten ihren Schmerz, etwa mit Hilfe eines Schmerztagebuchs: In welcher Situation wird er besser, schlechter? Wie genau fühlt er sich an? Anhand der Notizen leiten spezialisierte Behandler wie Ärzte für Spezielle Schmerztherapie, Psychosomatiker und ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten sowie Hausärzte, die eine ganzheitliche Behandlung anbieten, weitere Schritte ein.

mymedAQ: Wie sehen die Schritte aus?
Prof. R. N.: Das können Entspannungsübungen sein, die Patientinnen und Patienten lernen, oder auch Ablenkungsstrategien, zum Beispiel unter Menschen zu gehen, selbst wenn man keine Lust hat, oder sich etwas Gutes zu tun, wie Musik zu hören oder zu lesen, falls möglich. Ziel der Therapie ist es, aus dem Negativzirkel aus Schmerz, depressiver Verstimmung, sozialer Isolation herauszuführen, das Selbstwertgefühl zu stärken und zu ermuntern, wieder aktiv und lustvoll im Leben zu stehen.

mymedAQ: Musik hören gegen Migräne, das klingt einfach.
Prof. R. N.: So einfach und pauschal funktioniert das natürlich nicht! Eine ganzheitliche Schmerztherapie muss individuell abgestimmt sein. Sie erfordert vom Behandler viel Erfahrung und von Patientinnen und Patienten viel Zeit und Geduld.  

mymedAQ: Gibt es Strategien, die bei den meisten wirken?
Prof. R. N.: Ja, denken Sie an kleine Kinder, die weinen. Wir trösten sie, wir geben ihnen liebevolle Zuwendung und lenken sie von ihrem Schmerz ab. All das wirkt auch bei Erwachsenen. Aber wie kleine Kinder, reagieren auch wir unterschiedlich. Um beim Beispiel Musik zu bleiben: Den einen beruhigt sie, dem anderen bereitet sie zusätzliche Kopfschmerzen.

mymedAQ: Empfinden Menschen Schmerzen eigentlich unterschiedlich stark, was die eine als unerträglich wahrnimmt, kann eine andere mit ,halb so wild´ beschreiben?
Prof. R. N.: Ja, Schmerzempfinden ist subjektiv. Wir bitten Patienten, die Stärke auf einer Skala von eins bis zehn anzugeben, die Ziffer ist jedoch keine absolute Größe. Allerdings kann man sagen, dass bei einem erhöhten Grundschmerzpegel zusätzliche Schmerzen weniger gut toleriert werden.

mymedAQ: Können Sie das bitte erläutern?
Prof. R. N.: Es gibt Versuche im Kernspintomographen mit gesunden Frauen und Frauen, die an Fibromyalgie leiden, einer Erkrankung mit erheblichen chronischen Schmerzen am ganzen Körper. Ein Versuchsleiter übt bei beiden Gruppen Druck auf die Daumen aus, betrachtet das Areal, das dadurch im Gehirn aktiviert wird, und bittet die Teilnehmerinnen, die Stärke des Schmerzes mit einer Ziffer zwischen eins und zehn zu beschreiben. Ist die angegebene Schmerzintensität gleich, also etwa bei 5, sind auch vergleichbare Hirnareale aktiviert. Allerdings reicht bei den Fibromyalgie-Patientinnen ein geringerer Druck, damit diese die Schmerzstärke 5 angeben.

mymedAQ: Deutet das Ergebnis darauf hin, dass gesunde Frauen weniger schmerzempfindlich sind?
Prof. R. N.: Ja, und es bedeutet auch, dass in Folge chronischer Schmerzen die Schmerztoleranz abnimmt und auch die Fähigkeit des Gehirns, Schmerzen zu unterdrücken und zu filtern, geschwächt ist. Je dauerhafter und stärker Stress und Belastungen anhalten, desto stärker sind diese Fähigkeiten beeinträchtigt, recht unabhängig von der Ursache des Schmerzes.

mymedAQ: Die Toleranz gegenüber körperlichem Schmerz nimmt also auch ab, wenn man seelisch leidet?
Prof. R. N.: Ja, wer zum Beispiel unter andauerndem Stress oder chronischen Angstzuständen leidet, hat einen erhöhten Grundpegel und ist in vielen Fällen schmerzempfindlicher. Das kann ein Teufelskreis werden, den es in einer Therapie zu durchbrechen gilt. Im Übrigen können seelischer Schmerz, Stress und soziale Belastung auch selbst körperliche Schmerzen verursachen. In beiden Fällen entwickelt sich eine sogenannte stressinduzierte Hyperalgesie, eine stressbedingte gesteigerte Schmerzempfindlichkeit.

mymedAQ: Eine Stresssituation kann uns aber auch den Schmerz vergessen lassen. Wenn wir vor einer Gefahr fliehen, spüren wir den verstauchten Knöchel kaum.
Prof. R. N.: Das ist entwicklungsgeschichtlich so angelegt, und es stimmt für akuten Schmerz. Wenn wir uns den Kopf anschlagen, ist das nagende Hungergefühl plötzlich verschwunden, denn es ist wichtiger, erst einmal die Kopfverletzung zu versorgen als weiter den Säbelzahntiger zu jagen. Aber chronischer Schmerz hat eine eigene Dynamik entwickelt, die unser Leben nicht schützt, sondern belastet.

mymedAQ: Wo im Gehirn manifestiert sich Schmerzempfinden?
Prof. R. N.: Sowohl bei akuten als auch bei chronischen Schmerzen werden die selben Gebiete aktiviert, vor allem die somatosensorische Hirnrinde, die so genannte Insula, und die vordere cinguläre Hinterrinde (ACC). Das kann man in der Kernspintomographie als Aufleuchten erkennen.

mymedAQ: Wenn ich mir mit dem Hammer auf den Daumen schlage, leuchten Areale auf, die umso größer sind, je härter der Schlag trifft?
Prof. R. N.: Ja, so ungefähr. Und interessanterweise leuchten die gleichen Gebiete, wenn Sie traurig oder auf andere Weise seelisch verletzt sind. Im Kernspin sieht ein gebrochenes Herz einem gebrochenen Bein zum Verwechseln ähnlich. Auch das zeigt die enge Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper, die übrigens auch ein einfaches Experiment illustriert.

mymedAQ: Können Sie es bitte kurz beschreiben?
Prof. R. N.: Ein Versuchsleiter spielt ein virtuelles Ballspiel mit zwei Probanden. Jeder drückt eine Taste, um den Ball an den Nachbarn weiter zu geben. Das geht eine Weile im Dreieck reihum, bis der Leiter eine Person auslässt und der Ballwechsel nur noch zwischen zwei Personen stattfindet.

mymedAQ: Der Versuch simuliert also eine Mobbing-Situation?
Prof. R. N.: Richtig. Und das Schmerzzentrum der gemobbten Person reagiert, als hätte sie eine körperliche Verletzung. Das ist die physiologische Erklärung, warum wir seelische oft als körperliche Schmerzen wahrnehmen.

mymedAQ: Etwas schlägt uns auf den Magen, bereitet uns Kopfzerbrechen, macht uns Bauchschmerzen.
Prof. R. N.: Genau, der Volksmund beschreibt diese Verknüpfung, sie ist allgemein bekannt und inzwischen wissenschaftlich belegt.


mymedAQ: Wie wirken sich soziale Faktoren auf das Schmerzempfinden aus?
Prof. R. N.: Denken Sie an den Geburtsschmerz, für den viele Frauen hohe Werte angeben dürften. Und trotzdem kommen nicht wenige ohne Medikamente aus. Die Schmerzwahrnehmung wird durch mehrere andere Faktoren gedämpft, unter anderem durch die Anteilnahme des Vaters und der Geburtshelferinnen. Die Gebärende wird gelobt und bekommt Zuspruch während der Wehen. Ihr Schmerz wird von der Umgebung wertgeschätzt und dadurch von ihr selbst als weniger schlimm wahrgenommen.

mymedAQ: Wäre Migräne gesellschaftlich geachtet, ginge es einem damit besser?
Prof. R. N.: Das ist sehr verkürzt, aber im Kern richtig. Viele Schmerzpatientinnen und -patienten haben das Gefühl, als Mitglied einer Gemeinschaft zu versagen, weil sie dem Schmerz ausgeliefert und nicht mehr wie gewohnt leistungsfähig sind. Ein Teil der Therapie kann sein, das Selbstwertgefühl und das Bewusstsein zu stärken, nach wie vor ein wichtiger Teil der Gesellschaft zu sein. Schmerz ist nichts, für das man sich schämen muss.

mymedAQ: Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede im Schmerzempfinden?
Prof. R. N.: Ein Indianer kennt keinen Schmerz, an diesem Spruch ist sicherlich ein wahrer Kern. Es gibt Kulturen, in denen es verpönt ist, Schmerz zu zeigen und andere, die ihn geradezu zelebrieren. Denken Sie an Klageweiber in südlichen Ländern, die den seelischen Schmerz der Trauer als ein kollektives Ereignis zum Ausdruck bringen. In Europa gibt es ein Nord-Südgefälle, der Norden erträgt Schmerz stoischer als der Süden, aber ob der Schmerz individuell auch als weniger stark wahrgenommen wird, das lässt sich nicht sagen.

mymedAQ: Bis zu einem gewissen Grad haben wir es in der Hand, dem Schmerz nachzugeben.
Prof. R. N.: Ja, da wären wir wieder beim Fakir. Wir müssen nicht zwangsläufig die Kontrolle abgeben, sondern können mitbestimmen, ob wir den Schmerz kontrollieren oder er uns.

mymedAQ: Verschwindet Schmerz, wenn wir ihn kontrollieren?
Prof. R. N.: Er verliert an Bedeutung und kann dadurch ganz aus unserem Bewusstsein verschwinden, wir haben keinen Schmerz mehr.

mymedAQ: Wie gehen Sie selbst mit akuten Schmerzen um? Sind Sie sparsam mit Medikamenten?
Prof. R. N.: Ja, es ist einen Versuch wert, erst einmal in sich hinein zu hören und sich mit etwas Schönem abzulenken, bevor man in die Apotheke oder zum Arzt geht. Bei ernsten Erkrankungen und bedrohlichen Beschwerden ist das natürlich keine Lösung. Es gilt immer sich selbst kennenzulernen und in Erfahrung zu bringen, was einem selbst bei Schmerzen wirklich hilft. Ist dies ein Medikament, das bei sporadischen Schmerzen eingenommen wird und gut hilft, prima.

mymedAQ: Sollte man so lange wie möglich warten, bis man eine Tablette schluckt?
Prof. R. N.: Es ist kein Verdienst oder ein Beweis von Stärke, Schmerz möglichst lange auszuhalten. Wenn er seine Funktion als Warnsignal erfüllt hat, gibt es überhaupt keinen Grund, ihn nicht abzuschalten. Und öfter als viele denken, reicht dazu ein Spaziergang oder ein nettes Gespräch.

mymedAQ: Professor Nickel, vielen Dank für das Gespräch!

 

Adressen & Tipps

Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.
Die größte wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft im Bereich Schmerz in Europa informiert gut verständlich über Arten von Schmerz, das Entstehen und den Umgang mit Schmerz, über Therapien und aktuelle Forschungen, dazu findet man Buchtipps und Adressen von Selbsthilfegruppen.

beta Institut gemeinnützige GmbH
Auf der Seite finden sich umfassende Information zu Schmerzarten, Ursachen, Therapien, Selbsthilfegruppen, zu Pflegegraden und Schwerbehindertenstatus auf Grund chronischer Schmerzen und vielem mehr. Ausführliche Informationen für Schmerzpatienten zu den Themengebieten Sozialrecht und Psychosoziales gibt es als gratis Download: Ratgeber Schmerz.

Selbsthilfegruppen in Wiesbaden und im Umland, die bei Schmerzen weiterhelfen können
Rheuma-Liga Hessen e. V.
Selbsthilfegruppe Wiesbaden 

Bundesverband Neurofibromatose e. V.
Gruppe Rhein-Main

Kirchenfenster Schwalbe 6
Offene Sprechstunde für Trauernde und Trauercafé

Trauernde Eltern & Kinder
Rhein-Main e.V. 

SHG “Migräne” Wiesbaden
Frauengesundheitszentrum SIRONA

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