„Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler“

... schreibt der französische Starautor Philippe Dijan.

In diesem Sinne wün­schen wir Ihnen gute Bes­serung mit den Lese­tipps von Wies­badener*­innen!  Sie stel­len Bücher vor, mit denen sie durch Zeiten und Welten reisen, Neu­land entdecken, Stress und Sor­gen hinter sich las­sen und neue Kraft schöpfen.

Rita Thies

ist Vorsitzende des Förderverein Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine e.V. Die gelernte Oberstufenlehrerin war unter anderem viele Jahre lang Kulturdezernentin in Wiesbaden und arbeitet heute freiberuflich im Kulturmanagement. Informationen zum Literaturhaus und Termine 



Rita Thies, Vorsitzende des Förderverein Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine e. V.

© privat

Buchtipp im mymedAQ Magazin
Cover Winterbienen, © C.H.Beck Verlag

Lebenszeichen


Es wird wieder kalt, und ich möchte Ihnen einen Roman empfehlen, der die kommende Jahreszeit im Titel trägt. Er stand 2019 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet.

„Winterbienen“ ist als fiktives Tagebuch verfasst, das der Imker Egidius Arimond von Januar 1944 bis Mai 1945 führt. Er lebt in Kall in der Eifel – Wohnort auch des Autors Norbert Scheuer – und versucht, die Nazizeit zu überleben. Der ehemalige Lateinlehrer ist aufgrund seiner Epilepsie suspendiert und zwangssterilisiert worden. Dass er überhaupt noch lebt, hat er der Tatsache zu verdanken, dass sein Bruder ein gefeierter Fliegerheld ist.

Um seine Medikamente bezahlen zu können, hilft er jüdischen Flüchtlingen gegen Geld, über die belgische Grenze zu gelangen. Er versteckt sie in großen Bienenstöcken. Die Arznei zu beschaffen, wird jedoch immer schwieriger, und Egidus Arimonds Angst wächst, bei Anfällen weitere Gehirnzellen und damit sein Gedächtnis zu verlieren. Sein „Bienentagebuch“, das er in den Bienenstöcken versteckt, ist der geheime Speicher seiner Erinnerungen. Glück hat er bei den Frauen. Seine Affären sind jedoch eine weitere Quelle für Schwierigkeiten.

Soweit die vordergründige Geschichte. Den Raabe-Preis begründete die Jury unter anderem mit der „äußerste(n) Nähe von symbolischen Zeichen und konkreter Realität“. Dies ist es auch, was den Roman zu einem wirklichen Leseereignis macht: Zeichenhaftes zu entdecken und die Verbindungen von Erzählmotiven herzustellen. Während der Zweite Weltkrieg tobt, die Bomber über die Eifel hinwegfliegen und die Welt um ihn herum zerfällt, übersetzt Egidius eine Schrift seines Vorfahren Ambrosius Arimond.

Der ehemalige Benediktinermönch kümmerte sich ebenfalls um Bienenvölker. Außerdem sorgte er dafür, dass das Herz des verstorbenen Kirchenmannes und Philosophen Nicolaus Cusanus (Nikolaus von Kues) im 15. Jahrhundert über die Alpen nach Hause gebracht wurde. „Das Kleinste korrespondiert mit dem Größten", so Cusanus, dessen totes Herz von Bienenwachs umschlossen und einbalsamiert wurde.

Bienen sind es, die seinen Nachfahren und einige Flüchtende vor den Nazis retten. Winterbienen überleben die kalte Jahreszeit.



© C.H. Beck, 2019, 22 Euro

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