„Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler“

... schreibt der französische Starautor Philippe Dijan.

In diesem Sinne wün­schen wir Ihnen gute Bes­serung mit den Lese­tipps von Wies­badener*­innen!  Sie stel­len Bücher vor, mit denen sie durch Zeiten und Welten reisen, Neu­land entdecken, Stress und Sor­gen hinter sich las­sen und neue Kraft schöpfen.

Jutta Leimbert

feiert in diesem Jahr gleich zwei runde persönliche Festtage: ihren 65sten Geburtstag und das Berufsjubiläum "50 Jahre im Buchhandel". Seit 2008 ist sie selbstständige Inhaberin der Buchhandlung Vaternahm.



© Rita Thies

Buchtipp im mymedAQ Magazin
Verlag Nagel & Kimche

Eine Kleinstadtgeschichte


Ich lese fast alles, was sich mit den 20er bis 40er Jahren beschäftigt, darunter literarische Krimis, besonders gerne Romanbiographien, und ich freue mich, Klassiker wieder oder neu zu entdecken, wie zum Beispiel die erstmals übersetzten Bücher der afroamerikanischen Autorin Ann Petry.

Im Original erschien ihr Roman 1947 und ist ein erschütterndes Porträt der amerikanischen Provinz zur Nachkriegszeit. Dass Ann Petry als schwarze Frau über Weiße schreibt und für den Ort ihrer Handlung eine vornehmlich weiße Stadt auswählt, war im Amerika der 40er-Jahre ein Tabubruch. Ihre Themen Idealisierung, Desillusionierung und menschliche Abgründe sind absolut zeitlos.

Johnnie kommt aus dem Zweiten Weltkrieg zurück nach Lennox, eine kleine Stadt in Connecticut. Er kann es nicht erwarten, seine Eltern und seine Ehefrau Glory wieder in die Arme zu schließen. Doch schon die kurze Fahrt vom Bahnhof zum Elternhaus mit dem örtlichen Taxifahrer, dem "Wiesel", reicht aus, um die Atmosphäre von Klatsch und Tratsch, der Sensationslust und der Boshaftigkeit sichtbar zu machen. Die Idylle, die Johnnie sich in den Jahren der Abwesenheit ausgemalt hat, war wohl seiner Fantasie entsprungen.

Ein großer Teil der Bewohner von Lennox entpuppt sich als menschlich mies, intolerant oder gierig, allein Johnnie und die alte Mrs. Gramby bilden eine Ausnahme. Außerdem gehören das schwarze Dienstmädchen Neola und der portugiesische Gärtner, die rassistisch verachteten Fremden, zu den wenigen Figuren, die durchweg Integrität in Handeln und Moral beweisen. Und zwischen allen Handelnden das "Wiesel", das den neuesten Klatsch und Tratsch unter die Leute bringt.

Während die toxische Mischung aus Neid, Berechnung und Missgunst sich schnell zu einem Sturm der menschlichen Emotionen steigert, wird Lennox selbst von einem Unwetter heimgesucht. In dessen Verlauf werden Bäume entwurzelt und Dächer abgedeckt, die gesamte Handlung steuert atemlos zum großen Finale.



© Nagel & Kimche, 2021, 24 Euro

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