Warum Blut­spen­den Ängste wecken kann – und wie man sie be­siegt

Noch gibt es keinen künstlichen Ersatz für unseren Lebenssaft. Ihn zu spenden, ist wichtig, das bestätigen rund 94 Prozent der Deutschen. Doch nur etwa drei Prozent sind tatsächlich dazu bereit. Wir sprachen mit Dr. med. Bernd Oliver Maier über das verbreitete Zaudern, über Ängste, Fakten und Mythen, zum Beispiel von Vampiren, über süßes und böses Blut  – und über gute Gründe, ein Lebensretter zu sein

Dr. med. Bernd Oliver Maier ist Chefarzt der Medizinischen Klinik III  – Palliativ und Onkologie am  St. Josefs-Hospital Wiesbaden, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie, Mitglied des klinischen Ethikkomitees des JoHo und Präsident des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Auf der Focus Gesundheit Ärzteliste 2020 wurde er als „Top-Mediziner“ für den Bereich Palliativmedizin ausgezeichnet. Weitere Informationen 

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Dr. Bernd Oliver Maier, Chefarzt am JoHo Wiesbaden, @JoHo Wiesbaden

„Unser Blut ist ein sehr schlaues, schnelles und flexibles Organ“

mymedAQ: Inwiefern ist der Magen oder das Herz dümmer als Blut?
Dr. med. Bernd Oliver Maier: Wenn ich von der Intelligenz von Blut spreche, dann meine ich damit die Vielzahl von Funktionen die es erfüllt, die Geschwindigkeit, mit der es reagieren und sich erneuern kann und die feine Abstimmung der Systeme, die innerhalb des Bluts wirken. In diesen genannten Punkten ist es anderen Organen, auch Magen und Herz, überlegen. Darum ja, in dem beschriebenen Sinn ist Blut tatsächlich schlauer.

mymedAQ: Welche Funktionen erfüllt es?
Dr. B. O. M.: Blut hat verschiedene Bestandteile, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen und in komplexen Wechselwirkungen stehen. Der flüssige Teil, das Plasma, transportiert neben Salzen, Einweißen und anderen Nähr- und Botenstoffen, die festen Bestandteile. Das sind zu 99 Prozent die roten Blutkörperchen, die unter anderem Zellen mit Sauerstoff versorgen und Kohlendioxid abtransportieren. Den Rest machen überwiegend die weißen Blutkörperchen aus, die  unser Immunsystem bilden, und zu einem kleineren Teil die Blutplättchen, die das Blut gerinnen lassen, so dass wir nicht verbluten, wenn wir uns verletzen.

mymedAQ: Als Hämatologe sind Sie auf Erkrankungen spezialisiert, die alle  Bestandteile betreffen können. Andere Organe können wir stärken, zum Beispiel Herz und Lunge durch Sport. Gibt es die Möglichkeit auch beim Blut?
Dr. med. B.O. M.: Ja, indem wir dem Blut seine Bausteine zuführen, vor allem Vitamine, Folsäure und Mineralien. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit überwiegend frischen Zutaten deckt den Bedarf. In einigen Lebenssituationen, etwa während der Schwangerschaft und Stillzeit, kann es sinnvoll sein, zusätzlich handelsübliche Präparate einzunehmen. Wichtig ist, einem Mangel vorzubeugen und dafür zu sorgen, dass die Speicher gefüllt sind.

mymedAQ: Kann der Arzt den Füllstand feststellen?
Dr. med. B.O.M.: Ja, mit einem Blutbild. Bei extremen Mangelerscheinungen kann man hochdosierte Präparate verordnen. Es gilt das Prinzip viel hilft viel.

mymedAQ: Besteht nicht die Gefahr, Mineralien und Vitamine überzudosieren?
Dr. med. B.O.M.: Man hört immer wieder warnende Stimmen. Aber meiner Meinung nach können gesunde Menschen wenig falsch machen. Sollte jemand tatsächlich zuviel einnehmen, zum Beispiel Vitamin C, scheidet der Körper es über die Nieren wieder aus.

mymedAQ: Je nach Alter, Gewicht und Größe zirkulieren etwa zwischen drei und sechs Liter Blut im Körper. Verlieren wir in kurzer Zeit rund die Hälfte, versagt das Herz. Kann uns bereits der knappe halbe Liter schwächen, der bei der Vollblutspende entnommen wird?
Dr. med. B.O.M.: Nein. Diese Menge ersetzt der Körper, ohne dass wir Beschwerden spüren. Blut bildet sich vergleichsweise schnell neu. Die Plättchen erneuern sich nach 48 Stunden, die roten Blutkörperchen nach 120 Tagen. Man darf nur alle zwei Monate spenden, Frauen alle drei Monate. Nach dieser Zeit ist der Verlust komplett ausgeglichen und die Speicher haben sich wieder gefüllt.
 

mymedAQ: Warum dürfen Frauen seltener spenden?
Dr. med. B.O.M.: Frauen haben im Durchschnitt weniger Blut, zum einen, weil sie kleiner und leichter sind, zum anderen verlieren sie bis zur Menopause monatlich etwa 60 Milliliter, die ihr Körper ersetzen muss. Jeder Erstspender und Mehrfachspender wird vorher untersucht. Diese Untersuchung ist standardisiert. Würde man Frauen erlauben, öfter zu spenden, müsste sie individuell angepasst werden und sie wäre aufwendiger. Das können die Blutspendestellen nicht leisten.

mymedAQ: Sind aufwendige Voruntersuchungen auch der Grund, warum Erstspender nicht älter als 65 Jahre sein dürfen und man ab 74 Jahren nicht mehr spenden darf?
Dr. med. B.O.M.: Richtig, in dieser Altersgruppe kommen zum Beispiel Herz- und Gefäßerkrankungen häufiger vor, und diese Erkrankungen müssten individuell ausgeschlossen werden.  

mymedaQ: Blutspenden an sich ist also kein Gesundheitsrisiko. Aber wie sieht es mit dem Risiko aus, sich in der Blutspendestelle zu infizieren?
Dr.med. B.O.M.: Dieses Risiko existiert nicht. Die Verfahren, sowohl bei der Vollblutspende als auch der Plasmaspende, bei der Blut gefiltert und die festen Bestandteile zurück in den Körper geleitet werden, schließen Übertragungen von Erregern aus. Und das Coronavirus wird im Übrigen nicht über Blut übertragen, sondern über die Haut und die Luft. In den Spendestellen gelten strenge Hygieneregeln. Darüber hinaus muss jeder Spendewillige versichern, dass er keine Symptome hat und sich gesund fühlt, und bekommt vor Ort die Temperatur gemessen. Wie in Arztpraxen und Kliniken auch, gibt es keine vergrößerte  Ansteckungsgefahr zu befürchten.

mymedAQ: Welche Befürchtungen halten denn so viele Menschen davon ab, Blut zu spenden?
Dr. med. B.O.M.: Neben der nicht begründeten Angst, sich zu infizieren, sind es wohl auch unsere Urängste, mit denen zum Beispiel Vampirfilme und -romane spielen. Der Anblick, wie unser Lebenssaft aus uns heraus fließt, erschreckt uns. Das ist tief in uns verwurzelt und lässt sich bereits bei ganz kleinen Kindern beobachten. Wenn sie hinfallen, und da ist nichts zu sehen, stehen sie auf und spielen weiter. Aber wehe es blutet, dann fließen die Tränen, auch wenn es nur ein kleiner Kratzer ist.  

mymedAQ: Viele können auch als Erwachsene kein Blut sehen. Nur wenige Spender werden zuschauen, wie es in den Klarsichtbeutel gepumpt wird. Was hilft gegen drohende Ohnmacht, Panikattacken und Magengrummeln?
Dr. med. B.O.M.: Wegschauen, lesen, Musikhören auf dem mitgebrachten Handy sind gute Ablenkungsstrategien. Und was auch hilft ist, sich vor Augen zu führen, dass man Leben rettet. Ein gutes Gefühl ist erfahrungsgemäß stärker als ein mulmiges.

mymedAQ: Blutspenden und Leben zu retten geben zweifellos ein gutes Gefühl. Ist es dazu nicht sogar noch gut für die eigene Gesundheit? Früher war Aderlass ein Allheilmittel. Bis heute empfehlen ihn einige Heilpraktiker und Mediziner, zum Beispiel gegen Bluthochdruck.
Dr. med. B.O.M.: Soweit würde ich nicht gehen, Blutspenden als Therapie zu empfehlen. Mit Ausnahme von Erkrankungen, bei denen der Körper zu viel Eisen einlagert, ist Blutabnahme keine Behandlungsmethode der Schulmedizin. Zwar senkt der Blutverlust bei einer Spende den Blutdruck kurzzeitig, aber ich kenne keine Studien, die auf einen nachhaltigen Effekt des Spendens hindeuten.

mymedAQ: Und was halten Sie von Eigenblutbehandlungen, die das Immunsystem stärken sollen?
Dr. med. B.O.M.: Auch da bin ich skeptisch. Ich will nicht ausschließen, dass sie, wie auch Aderlasse, Beschwerden lindern können, aber das hat meiner Meinung nach andere Gründe.

mymedAQ: Welche Gründe sind das?
Dr. med. B.O. M.: Da spielt sicher die ritualisierte Wertschätzung eine Rolle. Wenn man daran glaubt, dass eine Behandlung einem gut tut und wirkt, dann kann das einen positiven Effekt haben. Aderlass und Eigenblutbehandlungen, von Fachleuten ausgeführt, nutzen zwar aus Sicht der Schulmedizin nichts, aber schaden werden sie auch selten.

mymedAQ: Um Blut ranken sich viele Mythen, und es ist in unsere Alltagssprache gegenwärtig. Man ärgert sich bis aufs Blut, das Blut gerät in Wallung und ein Verhalten kann böses Blut geben. Gibt es denn gutes und böses Blut?

Dr. med. B.O.M.: Das böse Blut entstand wohl bevor das ABO-Blutgruppensystem bekannt war, das der österreichische Arzt und Nobelpreisträger Karl Landsteiner 1900 entdeckte, der 40 Jahre danach auch als Erster den Rhesusfaktor beschrieb. Vor jener Zeit kam es bei Transfusionen oft zu Unverträglichkeiten, an denen die Patienten starben. Man glaubte, sie hatten böses Blut bekommen, aus heutiger Sicht also die falsche Blutgruppe. So gesehen, gibt es inzwischen keine böses Blut mehr, aber so etwas wie das beste Blut. Besonders gefragt sind nämlich Spender der Gruppe Null negativ. Ihr Blut verträgt sich mit allen anderen Gruppen, kann also jedem Patienten verabreicht werden.

mymedAQ: Und es gibt süßes Blut, zumindest behaupten das Menschen, die bevorzugt von Mücken traktiert werden.
Dr. med. B.O.M.: Ja, das gibt es wirklich, und zwar bei bei Diabetikern. In den Anfängen der Medizin hat man den Geschmack von Urin und auch von Blut zur Diagnose genutzt. Ich weiß von Hunden, die Inhaltsstoffe im Blut riechen können, aber ob Insekten dazu in der Lage sind, das bezweifle ich.

mymedAQ: Warum werden einige Menschen häufiger gestochen?
Dr. med. B.O.M.: Vielleicht haben diese Menschen besonders dünne Haut oder ihr Schweiß enthält Lockstoffe. Meiner Erfahrung schützen handelsübliche Vitamin-B-Präparate, die man einnimmt, recht gut vor Stichen. Den Duft scheinen Mücken nicht zu mögen.

mymedAQ: Was fasziniert Sie an Blut besonders?
Dr. med.B.O.M.: Seine Intelligenz, besonders die des Immunsystems. Es erinnert sich an alle Infektionskrankheiten, die wir hatten, und es produziert bei Bedarf in wenigen Tagen wirksamen Abwehrsysteme. Das nutzen wir bei Impfungen. Wir geben dem Blut den unschädlichen Nachbau eines Virus, und es produziert eine Waffe, die auch gegen das gefährliche Original wirkt. Als Student hatte ich Sorge, dass die Faszination nachlassen würde, je mehr ich lerne. Aber sie wächst bis heute.

mymedAQ: Herr Doktor Maier, vielen Dank für das Gespräch.

Adressen & Tipps

Einfach Leben retten – Spende Blut! ist eine Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), gefördert durch die Bundesrepublik Deutschland. Spendewillige und Skeptiker finden auf der Seite einfach verständliche Informationen 

Das Deutsche Rote Kreuz bietet ausführliche Informationen zu Vollblut- und Plasmaspenden 

Im mymedaq-Gesundheitslexikon finden Sie aktuelle, einfach verständliche Fachartikel zum Thema unter dem Suchbegriff: Blutspenden 

Butspendetermine in Wiesbaden kann man reservieren, z.B. über die Seite des Deutschen Roten Kreuz 

Die Transfusionszentrale der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bietet Termine vor Ort und ambulante Spendemöglichkeiten. Mehr Informationen und Termine

In den Helios Dr. Horst Schmidt-Kliniken Wiesbaden ist Blutspenden montags zwischen 10:00 und 12:30 Uhr und zwischen 14 bis 18 Uhr möglich, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Mehr Informationen

Wir besiegen Blutkrebs ist die Vision der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei. Das wichtigste blutbildende Organ spielt die  zentrale Rolle beim Entstehen von Blutkrebs. Die wichtigste Therapie ist die Übertragung von Stammzellen aus gesundem Spenderknochenmark. Wer an einer Spende interessiert ist, kann sich informieren und registrieren